Die Leute in Wegscheid liefen eilig zusammen, um eines der ersten Automobile zu bestaunen, das auf den Marktplatz einfuhr. Das war vor etwa einhundert Jahren. Mein Vater, er war damals ein kleiner Steppke, erzählte davon, vom ersten Auto, das er in seinem Leben sah. Damals gab es noch keine geteerten Straßen. Der Marktplatz war gepflastert mit Kopfsteinpflaster. Die Nebenstraßen, wie die heutige Mühlgasse oder die Adalbert Stifter Straße waren Sandstraßen, wobei die Bezeichnung Straße übertreiben ist. Es waren schmale Wege, mehr oder weniger ausgefahren, manche holprig. Bis Anfang der 60er Jahre blieb das weitgehend so, wie das Foto anschaulich zeigt. Dann wurde geteert. Die Kohlbauerkapelle, die noch bis Ende der 20er Jahre außerhalb des Ortes frei lag, war dreißig Jahre später bereits ein wichtiger Bezugspunkt einer Siedlung geworden.

Die Straße als Spielplatz für Kinder: In den 1960ern in der Mühlgasse Wegscheid kein Problem

Auch auf der geteerten, damals noch Unteren Mühlgasse und der heutigen Ameisbergstraße wurden täglich morgens Kühe auf die Weiden getrieben und abends wieder zurück in die Ställe. Da gab es richtige „Rinderkarawanen”. Zuerst kamen die vielen Kühe vom Haiböck, die auch über den Marktplatz getrieben wurden, dann die vom Fray, anfangs zu Fuß begleitet und getrieben, später mit Traktoren. Wenn Autofahrer das Pech hatten, dass vor ihnen Kühe heim getrieben wurden, dann hieße es, im Schritttempo hinter den Rindern herzufahren. Das konnte ganz schön lange dauern. Kamen einem die Kühe entgegen, dann hieß es ausweichen und warten und hoffen, dass die sich teilweise besteigenden Kühe nicht aus versehen auf die Kühlerhaube des Autos stiegen.

Das ganz große Problem war das aber nicht, denn Anfang der 60er Jahre gab es im Markt Wegscheid noch kaum Autos. Nur jeder 10. Haushalt besaß einen Wagen. Also gab es etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Autos im Markt Wegscheid. Und diese Autos waren schmal und kurz. Bedenkt man, dass heute vor Einfamilienhäusern oft zwei, drei Autos stehen, kann man sich vorstellen, wie das Verkehrsaufkommen auf den ehemaligen Wegen seither zugenommen hat.

Die Kühe hinterließen zahlreiche Kuhfladen, die an kühlen Tagen richtig dampften, jedenfalls ziemlich viel Dreck machten. Uns Kindern wurde gesagt, wir sollte die Kühe etwas antreiben, denn dann wäre die Gefahr, dass sie die Straße mit ihren Exkrementen pflasterten, geringer. Das aber brachte die Bauern auf, denn wenn die Kühe am Abend mit vollen Eutern heimgetrieben wurden, dann war das eben alles andere als gut. Und täglich spielte sich das ab, solange die Kühe eben auf die Weiden getrieben wurden. Viele der Weiden gibt es nicht mehr. Dort stehen jetzt Häuser, teils eng gedrängt.

Die Kohlbauerkapelle war damals eingezäunt. Der Zaun war nicht hoch, gerade aber so hoch, dass auch die Kühe nicht in den Kapellengarten getrieben werden konnten. Es kam zwar hin und wieder vor, dass eine Kuh über den Zaun sprang und dann irgendwie zunächst nicht mehr heraus fand, bis sie, angetrieben, wieder über den Zaun auf die Straße setzte.

Ein Verkehrskonzept gab es in Wegscheid nicht wirklich. Die bestehenden Wege wurde ausgebaut, zumeist nur verbreitert. In neuen Siedlungsgebieten vor allem am Sonnenhang wurden Straßen als Erschließungsstraßen gebaut. Zug um Zug, der Umwidmung von Grünland in Bauland folgend. Dass das problematisch war zeigt sich Mitte der 60er Jahre, als die zahlreichen Fahrschüler mit Bussen aus dem Umland zur neuen Verbandsschule gebracht wurden. Auch wenn nach Schließung der Haupt- beziehungsweise Mittelschule die Zahl der Busse abgenommen hat, ist seit damals das Problem ungelöst geblieben.

Apropos Busse. 1924 wurde die erste Omnibuslinie Wegscheid–Passau durch die Firma Späth eröffnet. Das ist noch nicht einmal einhundert Jahre her. Den hoch betagten Herrn Späth, ein stattlicher Mann, habe ich selbst noch erlebt, wie er mit seinem schwarzen Mercedes auf Wegscheids Straßen unterwegs war.

kapelle_mit-zaun_750-01 Den Zaun gibt es nachweislich seit den 1950er Jahren, möglicherweise zum Zeitpunkt, als die Kohlbauerkapelle in das Eigentum der Pfarrkirchenstiftung Wegscheid gekommen war. Auf diesem Bild ist der Zaun gut drei bis vier Jahre alt. Er blieb im Wesentlichen unverändert bis Anfang der 1990er Jahre. Warum sollte das heute nicht wieder möglich sein?

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