Im Laufe der Jahre und je größer die Zeitspanne wird, auf die man zurückblicken kann, desto mehr, scheinen Anekdoten in Gesprächen und Begegnungen Raum einzunehmen.

Trifft man bei geselligen Anlässen auf Menschen, die man schon länger nicht mehr getroffen hat und die danach fragen, was denn in letzter Zeit so los war, dann kann es schon vorkommen, dass man dieselben Anekdoten erzählt, die man bei solchen Anlässen bereits häufiger erzählt hatte. Meist wird einem das erst auf dem Nachhauseweg bewusst, wenn überhaupt. Dann stellt man fest, dass man kaum Gespräche führte, sondern in – zugegeben – kurzweiligen Versatzstücken Konversation betrieben hat, Zeit überbrückt hat und Leerlauf verdrängt. Andere machen es häufig ähnlich. Es kommt zum Abtausch von Anekdoten, die man manchmal nicht zum ersten Mal hört. Das kommt erschwerend dazu. Man verliert den Überblick, wem man welche Anekdote schon erzählt hat und wem man zumutet, freundlich so zu tun, als hörten sie sie ein erstes Mal.

Imre Kertesz beispielsweise mag keine Anekdoten. In Dossier K. weigert er sich, sie zum besten zu geben. Sie langweilten ihn. Das gab mir Anlass, über meinen Umgang damit nachzudenken und warum es so leicht ist, Konversation mit Anekdoten statt Gespräche zu führen.

Wichtiger als diese pragmatische Einsicht ist die Beobachtung, dass sich Anekdoten verselbständigen. Sie beginnen ein Eigenleben, werden dort bearbeitet, wo sie besonders unterhaltsam sind, umgebaut, um Pointen deutlicher zu machen. Schließlich haben Anekdoten immer weniger mit dem Erinnerten zu tun und nicht nur das, sie verstellen sogar den Zugang zu Erinnertem, schieben sich dazwischen, wenn man Geschehenes wachrufen möchte.

Anekdoten treten immer mehr an die Stelle echter Erinnerungsarbeit. Anekdoten scheinen Erinnerungsarbeit zu verdrängen.

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