Disruption scheint vielen ein ersehntes Mittel, um die Gesellschaft, die Wirtschaft, das eigene Unternehmen weiter voran zu bringen.

Dabei übersehen sie, dass die perfekte und finale Disruption der Tod ist. Disruption bringt das Gegenteil dessen, was man glaubt damit zu erreichen. Disruption ist lebensfeindlich, destruktiv. Josepf Schumpeters Rede von der "schöpferischen Zerstörung",1 die erforderlich sei, damit Innovationen möglich werden, ist kritisch zu hinterfragen, vor allem wenn es um Gesellschaft geht.

In der sogenannten „New Economy” scheint Disruption Eskapismus sehr nahezukommen. Es ist doch viel herausfordernder und zeitaufwändiger, Dinge zu entwickeln, zu ändern, zu transformieren. Disruption ist wohl etwas für Ungeduldige, die sich nicht gerne mit Entwicklungen auseinandersetzen, sondern sich die Mühe ersparen wollen. Disruption scheut Komplexität, selbst Kompliziertes glauben manche durch Disruption auf kurzem Wege beseitigen, überwinden zu können. Doch welch ein Irrtum.


Diese launige Notiz kann ich so natürlich nicht stehen lassen. Sie gab aber den Impuls mich mit dem Begriff und seiner Verwendung intensiver auseinanderzusetzen. Das passiert unter dem Arbeitstitel: Disruption im Kontext des Wachstums-Pradigmas.

Anfänglich wurde der Begriff Distruption im Sinne einer technische Disruption verwendet. Er entwickelte sich schnell zu einem Modebegriff und so verwundert es nicht, dass Disruption 2015 zum Wirtschaftswort des Jahres gekürt wurde. Seit Anfang der 2020er Jahre wird der Begriff häufiger auch auf gesellschaftliche, soziologische und wissenschaftliche Entwicklungen bezogen.

Disruption im Sinne von zerstörerischer Überwindung gab es als Phänomen schon länger. Allein die Bibel ist voll von Beispielen, angefangen von der Vertreibung aus dem Paradies als folge des Bisses in den verbotenen Apfel, die Sprachverwirrung beim Turmbau von Babel, die Zerstörung von Sodom und Gomorra, die Sintflut und schließlich der Kreuzestod dessen, der als Sohn Gottes verehrt wird. Diese Disruptionen haben zwar viel Veränderung und Dynamik gebracht, aber im Wesentlichen nichts geändert, weshalb sich wohl Gott von seiner Schöpfung abgewandt hat, weil keine seiner Disruptionen den Menschen zu ändern vermochte.


  1. Joseph A. Schumpeter (1942): Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie 

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