Vor einigen Jahren sprach mich eine sehr eigene, um nicht zu sagen seltsame Frau an. Sie fragte mich, warum in katholischen Kirchen Gewalt so allgegenwärtig wäre, im Gekreuzigten, in den Märtyrer*innen, die mit ihren Folterwerkzeugen dargestellt werden, einem Laurentius, dessen Eingeweide auf einem Spieß aufgerollt werden, einer Agnes, die ihre abgeschnittenen Brüste auf einem Tablett vor sich her trägt oder einem Sebastian, den mehrere Pfeile durchbohrten und viele andere mehr. Sie meinte, dass sie Angst hätte angesichts der Gewaltszenen. Sie verstünde nicht, wie man da behaupten könnte, man verkünde eine frohe Liebesbotschaft.
Ihre Schilderungen führten bei mir zu einem Perspektivwechsel. Ich war selbst betroffen von dieser anderen Erfahrung. Die Frau kam später nochmals und schenkte mir einen kleinen, selbst gestrickten blauen Pullover, zu klein selbst für ein Kind. Ich war, wie viele Kirchgänger an das Bildprogramm katholischer Heiligendarstellungen gewöhnt, gewissermaßen immunisiert gegenüber der dargestellten Gewalt. Ammanns Feststellung bringt mich zum Überlegen. Wie dieses Aufwachsen mein Leben und meine Lebenseinstellung beeinflusst haben mag, auch oder gerade weil ich mir dieser Darstellungen von Gewaltexzessen nicht bewusst war oder sie schon im frühen Kindesalter verdrängt habe.
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
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