Liebe Theresa,
Danke für Deinen Brief. Ich habe kein Problem damit, wenn Du länger nicht zum Beantworten meiner Briefe kommst. Ich freue mich auf Deine Antworten.
Du weist zurecht darauf hin, dass ich mich wohl falsch, zumindest unpräzise ausgedrückt habe, als ich von „Politischer Theologie” im Zusammenhang mit der Befreiungstheologie schrieb. Mit dem rechtskonservativen Carl Schmitt, der diesen Begriff geprägt hat, hat das, was ich meine, wirklich nichts zu tun. Ich bezweifle allerdings, dass heute noch viele mit dem Namen Carl Schmitt etwas anfangen können, jedenfalls kaum mehr Theologen. Um es also genau zu sagen, ich meinte und meine die "Neue Politische Theologie", für die Johann Baptist Metz steht. Obwohl ich auch diesen Begriff, wenn ich länger darüber nachdenke, durchaus für problematisch halte.
In den letzten Wochen habe ich viel zur Befreiungstheologie nachgelesen, angefangen von den Erklärungen der Bischofskonferenz in Medellin 1968, dem Schlussdokument der III. Generalkonferenz lateinamerikanischer Bischöfe in Puebla 1979 bis hin zu mich damals stark inspirierenden Büchern von Leonardo und Clodovis Boff, Gustavo Gutierrez , dessen Buch "Theologie der Befreiung. Perspektiven" von 1971 der Bewegung den Namen gab. Zuvor schon hatten mich Helder Camara und die Psalmen von Ernesto Cardenal angesprochen. Norbert Greinacher war mir damals zu deutsch. Johann Baptist Metz habe ich erst etwas später schätzen gelernt. Wie Du auch, so bezog ich mein Wissen über die Theologie der Befreiung vor allem aus der Literatur und im Austausch mit anderen, die ihres ebenfalls aus der Literatur hatten und einigen wenigen Gastvorlesungen.
Ich bin ganz bei Dir, dass sich der Faden der Befreiungstheologie aus den späten 60ern, den 70er und 80er Jahren heute nicht so ohne weiteres aufnehmen lässt. Davon abgesehen, dass die Erinnerung diesen Faden ohnehin verklärt hat und er erst wieder freigelegt werden müsste. Anfänglich dachte ich, dass das möglich wäre — womöglich aus Sentimentalität, Naivität oder Bequemlichkeit.
„Option für die Armen”— "[…] die ärgerniserregende Realität des wirtschaftlichen Ungleichgewichts […] muss dazu führen, […] eine gerechte und freie Gesellschaft aufzubauen." (DH 4633)
Müsste es heute nicht vielmehr heißen: „Option für die Schöpfung – die Ärgernis erregende Realität des wirtschaftlichen Ungleichgewichts, die Ausbeutung von Menschen, Tieren und der Erde und die Zerstörung der Umwelt muss dazu führen, eine gerechte und freie Gesellschaft aufzubauen, die Verantwortung für die Schöpfung übernimmt und für einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt.”
Viele Organisationen, Bewegungen und Bürgerinitiativen mit unterschiedlichen weltanschaulich-ideologischen Hintergründen treten seit längerem dafür ein. Was die Befreiungstheologie und die sogenannten Basisgemeinden so spannend machten war, dass Teile der Kirche, der mächtigen Institution in Lateinamerika, für die Armen Partei ergriffen. Hätte sich die Kirche klar zur „Option für die Armen” bekannt, dann hätte das massive Umbrüche zur Folge gehabt.
Die Kirchenleitung allerdings sah in der „Option für die Armen” nur ein Trojanisches Pferd des Marxismus, des Sozialismus und des Kommunismus. Dieser Angst opferten Sie letztlich das an die Armen gerichtete Evangelium. Eine unrühmliche Rolle spielten Papst Johannes Paul II und der damalige Präfekt der Glaubenskongregation Kardinal Josef Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XI. Johannes Paul II war daran gescheitert, eine kritische Distanz zu seinen biographischen Erfahrungen im Umgang mit dem „real exitierenden Sozialismus” sowjetischer Prägung zu finden. Statt dessen folgte er diesem gewachsenen Feindbild sein gesamtes Pontifikat, blindwütig. Geradezu peinlich war seine Begegnung mit Ernesto Cardenal bei seinem Besuch in Nicaragua 1983.
In Europa hatte die Kirche die Armen bereits im 19. Jahrhundert verloren, im 20. Jahrhundert die Armen Lateinamerikas. Nicht zu unterschätzen ist neben den ideologischen Vorbehalten der Kurie und weiter Teile des Episkopats die Korruption sogenannter kirchlicher Würdenträger. Sie profitierten und profitieren von der Duldung der Ausbeutung armer, besitzloser Menschen.
Heute ist die Kirche in Bedeutungslosigkeit versunken. Sie hat damit zu tun, den Sumpf von sexuellem Missbrauch und von moralischer Verkommenheit großer Teile seiner Funktionäre trocken zu legen. Ob ihr das gelingen wird, bezweifle ich. Die Kirche ist nicht nur korrumpiert, sondern auch korrupt an Haupt und Gliedern, wie es so schön heißt. Die historische Chance der Kirche, im Sinne des Evangeliums für die Armen einzutreten und gegen Ausbeutung, Missbrauch und Gewalt aufzutreten, hat sie leider verpasst.
Liebe Theresa, ich schließe an dieser Stelle, bevor mich noch weiter in diesem Thema verliere.
Viele Grüße C.
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
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