Berichte über herausfordernde Ereignisse und bedrohliche Entwicklungen überstürzen sich gerade, zumindest in den Erzählungen von Medien und durch Propaganda. Alle scheinen sich von der Aufregung zu nähren, als wären sie auf Entzug. Fiebrig gieren sie nach Eskalation.

Worum geht es?

Es gibt eine nur sehr schwer überschaubare Zahl an Krisen, wobei viele die Brisanz besitzen, sich auf das eigene Leben auszuwirken - Wohnungsmarkt, Rentenpolitik, Gesundheitspolitik, Infrastruktur und so weiter. Derzeit gibt es für mich allerdings drei gewaltige Krisen, auf die Bürger:innen keinen Einfluss nehmen können.

Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Bedrohung Europas

Der aggressive Angriffskrieg Russlands unter Putins Führung gegen die Ukraine, die sich auf den Weg zu einer liberalen Demokratie aufgemacht hatte, stellt für mich die größte Herausforderung dar, vor allem weil täglich tausende Menschen im russischen Fleischwolf sterben oder schwer verwundet werden. Erstmals seit 1945 wird ein europäisches Land militärisch angegriffen durch den Aggressor Russland. Und Putin hört nicht auf, andere friedfertige Länder ebenfalls zu bedrohen. Dazu kommen die kollateralen Folgen für die Wirtschaft, die Finanzen, das Klima und das Leben der Menschen nicht nur in der Ukraine, sondern in den angrenzenden europäischen Ländern, in Europa. 

Ein US Präsident Trump, der nationale und internationale Regelwerke ignoriert

Die Situation in der Ukraine und die Bedrohung durch Russland sind insbesondere mit Blick auf den unberechenbaren US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump und seine Administration samt Tech-Oligarchen besorgniserregend. Die politisch einigermaßen stabile Weltordnung löst sich auf, ein Prozess, der sich schon seit den Nullerjahren abzeichnet. USA, China, Indien und Russland wollen ihre Einflusszonen neu ordnen und da haben andere Staaten, die keine militärische Macht vorweisen können, schlicht nichts mitzureden. Das trifft auch die Europäische Union (EU).

Donald Trump hat nicht zuletzt in der Ende November 2025 veröffentlichten amerikanischen ‚Nationalen Sicherheits Strategie’ deutlich gemacht, dass er die USA vom befreundeten Land und Mitstreiter in der NATO zu einem Gegner der EU gewandelt hat. Ihm geht es nicht um Landgewinn und ationale Ideologien, Donald Trump geht es um die Schwächung der EU. Er will sie in die Rolle einer US-Kolonie pressen, die er nicht zuletzt für seine persönlichen Interessen ausbeuten möchte.

Die USA unter Donald Trump sind für die EU ein wohl gefährlicherer Gegner als Putins Russland.

Die Klimakrise, die von Mächtigen bagatellisiert wird

Das Faktum des Klimawandels und das dadurch zwangsläufige Krisengeschehen ist wissenschaftlich fundiert festgestellt - abgesehen von einigen ideologisch Verblendeten, die sich wohl taktisch der Einsicht entziehen. Dennoch werden nationale Interessen und die Interessen der Wirtschaft und Finanzwirtschaft als maßgeblicher für politisches Handeln befunden. Die UN-Klimakonferenz in Belém 2025 hat das mehr als deutlich gezeigt.  Mit Bruno Latour kann ich nur fragen: Wie kommt es, dass eine Zivilisation nicht auf die existenzielle Bedrohung reagiert, vor der sie sehenden Auges steht?

Was kann ich tun, um nicht zum Opfer zu werden

Das meiste ereignet sich außerhalb des eigenen Erfahrungsraumes. Man ist auf Nachrichten und Reportagen, auf Berichte jener angewiesen, die das erleben, Zugang dazu aus erste Hand haben. Aber nicht jede Nachricht ist vertrauenswürdig. Ein wenig hilft es, wenn man ausreichend gebildet ist und schon einiges erlebt hat, durch Analysen sensibilisiert wurde und in der Lage ist, zumindest Argwohn zu entwickeln, wo es auch nur im Ansatz nach Falschinformation, Fake, Propaganda oder Manipulation aussieht oder schlicht nach Wichtigtuerei und Clickbaiting. Leider ist selbst bei sogenannten Qualitätsmedien Journalismus häufig nicht mehr das, was er von sich behauptet, zu sein. Die Neue Züricher Zeitung ist hier ein beredtes Beispiel.

Was ich also als erstes tun kann ist, misstrauisch zu sein, nicht alles ungeprüft zu glauben, was da auf mich einstürzt. Und das gilt nicht nur gegenüber Medien. Wenn beispielsweise Alice Weidel versucht, sich staatstragend zu geben, sie Wähler*innen Angst vor der AfD nehmen will, dann schreckt sie nicht vor Lügen, Halbwahrheiten und Manipulationen zurück. Sie selbst ist, obwohl sie Parteivorsitzende der AfD ist, weder bezogen auf die eigene Partei noch gegenüber ihren Konkurrentinnen tatsächlich glaubwürdig. Das trifft, nicht ganz so ausgeprägt für andere Parteien ebenso zu. Allerdings hat, um ein anderes Beispiel zu nennen, Friedrich Merz offenbar keine Probleme damit, als verbindlich garantierte Wahlversprechen nach der Wahl radikal zu brechen. Das Wissen darum, dass Donald Trump ein notorischer Lügner ist und Putin ihm in nichts nachsteht, befreit nicht davon, genau zu analysieren und zu validieren.

Sich nicht manipulieren, hinters Licht führen zu lassen ist durchaus eine herausfordernde Arbeit, teils mit einigem Rechercheaufwand verbunden. Das bedingt, dass ich nicht allem, was mir zugemutet wird und was mich aktiviert, nachgehen kann.

Das ist das nächste, was ich tun kann: auswählen und darauf achten, dass ich meine zeitlichen Möglichkeiten nicht überfordere, dass das ein Teil meines Lebens bleibt und nicht mein Leben regiert. Abstand nehmen können besonders von Dingen und Ereignissen, die einen aufregen und fesseln, ist nicht nur gesund, sondern auch wichtig, um nicht darin aufzugehen, verloren zu gehen, sondern selbstbestimmt kritisch bleiben zu können.

Was aber kann ich, mein drängendes Selbst meint: „endlich wirklich” tun? Gibt es überhaupt Möglichkeiten auf gefährlich destruktive Entwicklungen einzuwirken, beitragen zu können, dass Unheil abgewendet werden kann? Nur um Beispiele zu nennen:

  •   Die Ignoranz von Nationen gegenüber Klima- und Umweltkrisen
  •   Ausbeutung von Ressourcen und Zerstörung von Flora und Fauna
  •   Vernichtungskriege, wie der von Russland gegen die Ukraine
  •   Bedrohung liberaler Demokratien 
  •   die Zunahme autokratisch regierter Länder wie USA, Türkei, Ungarn, Slowake neben Diktaturen wie Russland, China et cetera
  •   das Wiedererstarken des Faschismus und Nationalsozialismus durch rechtsextreme Bewegungen wie der AfD oder BSW in Deutschland, Fides in Ungarn, Fratelli d'Italia, Rassemblement National in Frankreich und viele mehr.
  •   Extreme Armut und Ungleichverteilung von Reichtum

Muss man das alles ertragen, wie ein schnell aufziehendes Gewitter mit Starkregen, während man auf dem Land unterwegs ist und es weit und breit keine Möglichkeit gibt, sich unterzustellen und zu schützen, wo man nur hoffen kann, dass das Gewitter vielleicht doch vorbei zieht, oder man nur Ausläufer zu spüren kommt, jedenfalls nicht vom Blitz getroffen wird?

Ich befürchte, dass es Einzelnen oder auch Gruppen, selbst größeren Organisationen nicht gelingen kann, dystopische Entwicklung aufzuhalten. Wenn es gut geht und genügend Menschen sich versammeln - die Literatur nennt da 3 Prozent einer Bevölkerung eines Land - könnte man regionale, vielleicht sogar nationale Entwicklungen beeinflussen. Da diese aber selbst beeinflusst sind, müssten sich wohl global, zumindest in den maßgeblichen Ländern 3 Prozent der jeweiligen Bewohner:innen solidarisieren. Das ist kaum vorstellbar.

 

Was also kann man tun?

Führt Radikalisierung weiter? Ich habe die zweite Generation der RAF und den Deutschen Herbst erlebt und aufmerksam verfolgt. Ulrike Meinhof war von Robert Junk, Karl Bechert, Friedrich Wilhelm Foerster, den Theologen Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer beeinflusst. Keiner davon war ein Terrorist. Sie engagierte sich in der Anti-Atomkraft Bewegung, in Protesten in der Nachrüstungsdebatte und war journalistisch tätig. Ihre Biographie zeigt, dass sie mit demokratischen Mitteln versuchte, ihre Anliegen voran zu bringen, sah letztlich offenbar, dass das nicht gelingt und begann da erst, sie war etwa 50 Jahre alt, sich zu radikalisieren. So ging es nicht nur ihr. Wenn manche Politikerinnen heute der Klimabewegung, voran der Letzten Generation, vorwerfen, sie wäre am Radikalisierungspfad wie die RAF und daher bereits jetzt als terroristische Vereinigung zu beurteilen, dann spüren dieselben Politikerinnen, dass Widerstand, wenn er ausgegrenzt, blockiert, bestraft und abgewürgt wird, nicht einfach verschwindet, sondern Gefahr läuft, sich zu radikalisieren. Aber sie handeln nicht entsprechend (so viel zum Stichwort deliberative Demokratie).

Kann Widerstand erfolgreich sein?

Dass Widerstand erfolgreich sein kann, hängt eben auch damit zusammen, wie Politik darauf reagiert. Bruno Kreisky, der selbst das Atomkraftwerk Zwentendorf befürwortete, war offen für den Widerstand und machte die Realisierung vom Ausgang des Volksabstimmung abhängig. Zwentendorf ging nie in Betrieb, obwohl die Abstimmung mit 50,47 Prozent sehr knapp ausging. Damit waren auch die weiteren zwei geplanten Atomkraftwerke vom Tisch. Es gibt also Beispiele für gelingenden Widerstand. Es sind, um in der Sprache von Militärs zu sprechen, Scharmützel, kleine Gefechte, die mit enormer Kraftanstrengung gewonnen werden, mehr nicht; aber immerhin.

 

 

 

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