Es ist wichtig – wenngleich auch herausfordernd –, über Jeffrey Epstein ohne moralische Entrüstung als erstaunliches Phänomen nachzudenken.

Er wird als begnadeter Manipulator geschildert, was die Fähigkeit voraussetzt, seine Mitmenschen zu durchschauen, ein Gespür für ihre Schwächen und charakterlichen Abgründe zu besitzen. Er war sicherlich ein Kenner der dunklen Verwerfungen von Menschen, insbesondere der Reichen und Schönen und das nutzte er skrupellos, um Karriere zu machen, sich Einfluss, Macht und Reichtum zu sichern. Darin war er äußerst erfolgreich.

Es vergeht kaum ein Tag an dem nicht weitere Personen und deren teils enge Verhältnisse zu Epstein bekannt werden – mit zum Teil entlarvenden Details. Zu erwähnen wäre beispielsweise Kronprinzessin Mette-Marit, die sich selbst nach Epsteins Verurteilung als Sexualstraftäter von ihm immer noch angezogen fühlte. Ähnlich scheint es vielen anderen ergangen zu sein. Das mag man an anderer Stelle alles nachlesen.

Interessant ist, dass Menschen in gehobener gesellschaftlicher Stellung und Menschen mit Einfluss, Reichtum und Macht, selbst die, die ihrerseits als skrupellose Manipulatoren bekannt sind, wie der Brite Lord Peter Mandelson, in Epstein ihren Meister, vielleicht auch eine Art Guru suchten und fanden. Epsteins Memoiren wären ein Jahrhundert-Bestseller geworden und eine Zeitdiagnose von macchiavellischer Dimension. Schade, dass es dazu nicht kam.

Wie ist Epstein zu dieser Begabung gekommen? Ist er selbst Opfer geworden, der ein Gespür zum Selbstschutz gegenüber Tätern schon in jungen Jahren entwickelt hat? Spekulation. Es wäre aber durchaus plausibel, zumal Opfer von Missbrauch häufig selbst Missbrauchs-Täter werden. Es kann aber auch sein, dass ihm die Begabung, Menschen und deren Schwächen und Abgründe so genau zu erkennen zugefallen ist, wie Mozart das Genie als Musiker und Komponist. Jedenfalls ist es eine außergewöhnliche Begabung, die Epstein allerdings nicht ins Helle gebracht hat, sondern missbräuchlich professionalisierte.

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