Das schwere Portal zum ehemaligen Jesuitenalumnat in der Passauer Michaeligasse war mein Wurmloch in andere Galaxien, von der ländlich provinziellen Welt des Gymnasiasten im damals östlichsten Gymnasium der Bundesrepublik Deutschland in ganz andere, fremde Welten. Die schwere Türe, der Zugang zur Staatsbibliothek, ließ sich nur mit Nachdruck langsam öffnen. Die Garderobe war gleich links, mit den vielen kleinen Fächern, abschließbar, wenn man eine DM einwarf. Schräg gegenüber ging es in die Bibliothek, in den Vorraum zum großen Lesesaal.

An den Wänden reihten sich dort Schränke mit Karteikarten, nach Systematiken geordnet. Gegenüber war eine lang gezogene „Theke”, wo sich Besucher reihten, um Bücher zurückzubringen, auszuleihen oder um sich einen Bibliotheksausweis zu holen. Die freundliche Mitarbeiter:innen bemühten sich, die Besucher:innen zu unterstützen. Der allgemein sehr wertschätzende Umgang auch mit mir als Sechzehnjährigen freute mich und tat mir gut. In wenigen Schritten gelangte man vom großzügigen Vorraum in den großen Lesesaal der Bibliothek. Das allein war schon ein räumliches Erlebnis, denn der Hauptraum der Bibliothek war der frühere, nach einem gelungenen Umbau 1972 nun überdachte, große Innenhof des ehemaligen, 1630/39 erbauten Jesuitenalumnats.

Modernes Mobiliar, großzügig aufgestellt, Galerien mit Bücherwänden - all das waren ungewohnte Raumeindrücke für mich. Dazu kam die Stille, die konzentriert Lesenden und Notizen machenden Leute, die jeder und jede für sich etwas suchten und verfolgten, das ihnen wichtig war. Und ich war ein Teil davon. Ich erinnere mich, dass das Betreten des Hauptraums der Bibliothek nicht nur optisch beeindruckend war, es war ein Raum mit einem eigenen, besonderen Klang, gedämpft durch den Teppichboden, damit die Schritte der Menschen, die zwischen den Tischen und den Regalen pendelten, die kamen und gingen, möglichst nicht störten. Es war ein Ort großer Rücksichtnahme und Respekts voreinander, aber auch vor den Büchern, mit denen man sorgsam umging. Wenn einmal gesprochen wurde, dann war es ein Flüstern und das auch nur kurz. Gab es längeres zu besprechen, verließ man den Lesesaal und ging nach Draußen. Über Jahre, die ich regelmäßig die Staatsbibliothek nutzte, bis ich schließlich Passau und Niederbayern verließ, ließen diese Eindrücke nicht nach. Der Lesesaal, und mit der Zeit auch die kleineren Nebenräume wurden zu einem Teil meines Raumlebens und ich erlebe das noch heute, über fünfzig Jahre später und weit von Passau entfernt noch ähnlich intensiv, wenn ich daran denke.

Die Bibliothek wurde mein Entdeckungsraum. Zunächst „flanierte” ich an den Regalen vorbei, über die Galerien hinweg und verschaffte mir einen Überblick, wie die Bibliothek organisiert war. Dann vertiefte ich mich in die Nutzung des Karteikartensystems und war begeistert über die Systematik, die, sofern man das einmal begriffen hatte, sehr schnell konkrete Suchergebnisse liefern konnte, aber auch durch Schlag- und Stichwortkataloge Entdeckungen brachten. Dazu gab es ein großes Regal mit den Neuanschaffungen der Bibliothek. Allein das fesselte schon meine Aufmerksamkeit. Bücher herausnehmen, aufschlagen, blättern und sich einen Überblick verschaffen, das war fast wie ein Ritual. Mit der Zeit lernte ich, sehr gezielt mit Büchern umzugehen und mir schnell einen Überblick zu verschaffen, worum es dabei ging, worauf es dem Autor oder der Autorin ankam. So kam ich mit so vielen spannenden Themen in Kontakt. Es war nicht Fleiß oder Strebsamkeit, es war Neugierde, Wissensdurst, Entdeckungslust, die mich trieben und mir Freude und Befriedigung schafften.

So sehr ich die Digitalisierung auch im Bibliothekswesen schätze und das auch weidlich nutze, so vermisse ich die analogen Karteikästen doch. Wenn man durchblätterte, bis man zur gesuchten Karte kam, durchstreifte man zugleich anderes und kam so beiläufig und zufällig auf Bücher, die sich schließlich zwar nicht im konkreten Suchkontext aber darüber hinaus als wertvoll erwiesen. So geht es mir auch bei Wörterbüchern. Ich nutze gerne Wörterbücher (analog), weil ich da nicht nur das gesuchte Wort finde, sondern mir bei der Suche so viele andere Wörter ins Auge fallen, Wörter, die meine Neugierde wecken, die mir anderes in Erinnerung rufen, die einen Klang erzeugen, der zusammen mit anderen Klängen anderer Wörter wie ein Orchester klingen, das sich gerade einstimmt und mich in Resonanz bringt. Wenn ich ein Wörterbuch zur Hand nehme, wie auch wenn ich eine Bibliothek aufsuche, ist das, was mir dort beiläufig zufällt oft von großem Wert für mich.

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