Es gibt ein massives strukturelles Versagen und es gibt ein Versagen aus Überforderung von Pflegepersonal und Ärzten und Angehörigen. Ein Altern in Würde bleibt die Ausnahme, zumal in sogenannten Seniorenresidenzen und Pflegeheimen. Wenn alt werden bedeutet, in einer Vorhölle festzustecken, aus der nur der Tod Befreiung bringt, werden wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht.

Vom überforderten Pflegepersonal und Menschlich-Allzumenschlichem

Zu wenig Pflegepersonal. Unter den Wenigen sind wiederum nur wenige wirklich qualifiziert ausgebildet und menschlich befähigt.

Wenn an manchen Nachmittagen bei fast Sechzig Bewohner:innen in einem Pflegeheim nur ein Fachpfleger Dienst tut, dann ist das kein Mangel mehr, sondern grobe Vernachlässigung. Statistisch scheinen solche Missstände nicht auf. Wenige Vollzeitangestellte, viele Teilzeitangestellte werden der Zahl der Bewohner, gewichtet nach ihrem Pflegegrad, gegenübergestellt. Nach Adam Riese gerechnet werden so unhaltbare Zustände nicht auf Anhieb sichtbar, scheint die Pflegeversorgung regelkonform. Dass viele Teilzeitkräfte vormittags arbeiten, wenn die Kinder in der Schule sind und nachmittags deutlich weniger Dienst tun, fällt schon nach wenigen Wochen auf. Urlaube, Krankenstände und unbesetzte Stellen (was bei oftmals hoher Fluktuation häufiger vorkommt) führen schnell dazu, dass Bewohner:innen nicht ausreichend versorgt werden können, dass sie beispielsweise lange warten müssen, bis jemand auf ein Läuten reagiert. Da werden Menschen in der Dusche bis sie ausgekühlt sind allein gelassen, weil ein Pflegeruf die Pfleger:in wegholt. Da werden Menschen auf dem Toilettenstuhl vergessen, weil Pfleger:innen nicht die Zeit haben - oder sich nehmen wollen, etwas zu warten, bis alte Menschen mit Problemen beim Stuhlgang fertig sind.

In der Eile des Essen Austeilens bleibt in der Regel keine Zeit, um zu beobachten, ob Bewohner:innen deswegen kaum essen, weil sie keinen Appetit haben, oder aber weil das Essen zum Kauen zu hart ist oder zu kalt, es ihnen schwer fällt die Kraft für das Schneiden mit dem zumeist stumpfen Messern aufzubringen. Eingeschüchterte und verschüchterte Bewohner:innen wagen nicht, sich zu beschweren, sie verstummen und wirklich sorgend nachgefragt wird selten. Sie hungern und verlieren an Gewicht, haben Magenschmerzen und bekommen dagegen zur schnellen Abhilfe Medikamente.

Wer als Pflegefall in einem Seniorenheim auf Hilfe durch Pflegepersonal angewiesen ist, hat zumeist ein schweres Leben am Ende, woran auch einzelne Lichtblicke wenig ändern.

Beschwerden gegenüber reagiert man abweisend, häufig aggressiv und einschüchternd, seltener gegenüber den Angehörigen, vor allem gegenüber den alten Menschen, die sich nicht wehren können und die um ihre Abhängigkeit wissen. Die Sanktionsmöglichkeiten sind vielfältig und es hat den Anschein, als würde reichlich Gebrauch davon gemacht. Essen wird fast kalt serviert, die Wartezeit, bis jemand auf ein Läuten reagiert wird noch länger, keine freundlichen Worte und ein etwas gröberes Zupacken. Es wird schnell deutlich, dass sich im Pflegepersonal das gesellschaftliche Spektrum an Sozialverhalten von fürsorglich bis nahezu sadistisch wiederfindet.

Es macht betroffen, wenn ein Pfleger auf die wohl durch Medikation induzierten, zumindest dadurch verstärkten Halluzinationen damit reagiert, dass er die Bewohnerin anschreit und ihr vorwirft, sie sei verrückt und gehöre eigentlich in eine Nervenheilanstalt und sich mehr oder weniger weigert, die Bewohnerin weiter zu pflegen. Dabei sah die Bewohnerin nur fremde Menschen und Tiere im Zimmer und wollte wissen, ob der Pfleger sie auch sehe und misstraute seiner Auskunft, dass da niemand sei. Auch wenn so ein Fehlverhalten durch die Pflegeaufsicht gerügt wird, Konsequenzen zeitigt so ein Verhalten selten. Häufig trifft man auf Chorgeist. Obwohl notorisch unterbesetzt, finden sich im Beschwerdefall gerne mal zwei drei Pfleger:innen, die den Vorfall beobachtet hätten aber Unzureichende medizinische Versorgung

Es erstaunt, dass in einer immer älter werdenden Gesellschaft so gut wie keine Hausärzte mit einer geriatrischen Fachausbildung zu finden sind. Zwar beanspruchen viele Hausärzte für sich den Schwerpunkt Geriatrie, allerdings nicht aufgrund fachlicher Kompetenz, sondern aufgrund der doch großen Zahl alter Klient:innen, die sie betreuen und der davon abgeleiteten, aber keineswegs evaluierten Erfahrung.

Ein Pflegeheim mit nahezu ausnahmslos auf vielfältige Tabletten angewiesenen Bewohner:innen mit altersgemäßen Beschwerden und Folgen nicht altersgemäßer Ernährung ist ein effektiver Ort der Patientenbetreuung. Sehr viele an einem Ort. Kein Vergleich mit Hausbesuchen am Land.

Es dauert nicht lange, bis sich ein Verdacht ergibt und verstärkt, dass sich die Medikation von Bewohner:innen weitgehend gleicht: Medikamente gegen Schmerzen, Bluthochdruck, Depressionen, Angstzustände bis hin zu Magenverstimmungen: Moxonidin, Ramipril, Bromazepam, Tavor, IMAP, Novaminsulfon, Torasemid, Pantoprazol, Vomex etc. pp.

Treten Beschwerden auf, werden, so hat es den Anschein, reflexartig Medikamente verschrieben oder Dosen erhöht - ohne, wie es scheint, sich mit Wechselwirkungen groß aufzuhalten. Überdosierungen kommen vor, wobei diese oft nicht erkannt werden und die Nebenwirkung einer Überdosierung wiederum zu weiter Medikation Anlass geben.

Angehörige, die das besorgt verfolgen und kritisch hinterfragen, werden sehr schnell mit der Frage konfrontiert, wer denn der Arzt sei oder eingeladen, sich doch einen anderen Hausarzt zu suchen. Selbst gegenüber Beobachtungen zur Verträglichkeit von Medikamenten zeigen sich Ärzte häufig verschlossen. Immer wieder hört man, dass alte Menschen das Leben ja schon eigentlich hinter sich hätten und man sich als Angehöriger damit vertraut machen solle, dass es früher oder später ohnehin zu Ende ginge. Nach dem Motto, was regen Sie sich auf, dass es Ihrem Vater oder Ihrer Mutter schlecht geht; sie oder er ist alt und Sterben steht ohnehin an. Fast möchte man hinzufügen: Warum sich noch groß Mühe geben.

Der Eindruck drängt sich auf, dass Angehörige wie Patienten bevormundet werden, sie weder ausreichend informiert und aufgeklärt werden, nicht Teilhaben an der Befunderstellung, übergangen und teilweise ignoriert werden.

Fassungslos bleibt man zurück, wenn Ärzte, offenbar in Überforderung mit alten Menschen und ihren, zugegebenermaßen häufig auffälligen Verhaltensweisen, grob, ausfällig und beleidigend werden, wenn sie bei telefonischen Nachfragen barsch einfach den Hörer auflegen und nicht mehr ansprechbar sind.

Auf eine interessante und informative Sendung des Deutschlandfunk möchte ich hinweisen: Missstände in Pflegeheimen

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