Nach längerem Suchen fanden wir den Ortsteil, wo wir hofften, den zu finden, den sie entführt hatten. Es hieß, wir würden ihn in einem Haus nahe einem Bahngleis finden und sie nannten auch den Namen des Hauses. Ich erinnere mich an den Anfangsbuchstaben „A”. Wir mussten nun das Haus finden. Das wohl nur noch gelegentlich befahrene Bahngleis machte dort, wo ein unbehaustes Stellwerk stand, aus Stein über mehrere Stockwerke gemauert, eine Biegung. Das Gras wuchs zwischen den Schwellen. Es war schwül und bewölkt.

Das Haus, das wir suchten, konnte eigentlich nur auf der dem Stellwerk gegenüberliegenden Seite stehen. Da standen einige Häuser entlang des Gleises, alle, wie das Stellwerk, verlassen, teils ohne Fenster oder mit zerbrochenen Scheiben. Wir überlegten, wie wir das Haus finden könnten. Da fiel mir ein Emaille-Schild auf, auf dem der Name stand, den man mir am Telefon genannt hatte.

Wir überquerten die Schienen und betraten das Haus. Gleich nachdem wir die Türschwelle übertreten hatten, das Haus war nicht versperrt, die Tür nicht verschlossen, vielmehr etwas aus den Angeln, fanden wir uns in einem weiß gefliesten Raum mit vielen Türen wieder. Es gab kein Fenster und mir ist auch keine Lichtquelle in Erinnerung. Dennoch war der Raum gleichmäßig ausgeleuchtet, hell. Die Türen waren wie Wände und Decke weiß und manche, wie sich zeigte, waren aus weiß lackiertem Stahl, wie die Brandschutztür in dem Haus, in welchem ich wohnte. Es gab keine Hinweise, durch welche Tür wir gehen mussten, um den Entführten zu finden. Nicht jede Tür ließ sich öffnen. Durch eine gelangten wir in einen weiteren Raum, der sich kaum von dem unterschied, aus dem wir kamen. Ein gänzlich weißer Raum mit weiß lackierten Türen, teils aus Stahl. Die Anordnung der Türen war etwas anders. Wieder ließ sich nicht jede Tür öffnen, aber mehr als eine. Wir öffneten eine und gingen hindurch erneut in einen Raum, der sich nicht von den beiden zuvor unterschied. Es war irritierend und verunsichernd. Diesmal, etwas unruhig geworden, öffnete ich schneller eine Tür und bevor sie hinter mir zufallen sollte, hielt ich sie im letzten Moment offen, denn sie führte in keinen Raum, sondern eher in eine dunkle Kammer, wohl weiß gefliest, allerdings viel niedriger mit Vorsprüngen und teils schräger Decke, wie bei einer Mansarde. Es gab kein Licht. Wäre die Tür hinter mir zugefallen, dann wäre ich im völligen Dunkel gestanden.

Ich entschied mich, den Weg zurück zu nehmen. Da sich die Räume ähnelten musste ich überlegen, durch welche Tür ich dahin gelangt war. Es zeigte sich, dass diese Tür aber keinen Griff hatte, um sie zu öffnen, sondern einen fixierten Knauf. Mir wurde klar, dass es nicht möglich war, den Weg, den ich genommen hatte einfach zurückzugehen. Ich wählte eine andere Tür, die mich wieder in einen Raum führte, der sich nicht unterschied. Ich konnte nicht einmal sagen, ob es ein Raum war, in dem ich schon gewesen war. Allmählich fühlte ich mich unwohl und rief den Namen des Entführten, in der Hoffnung, dass er antwortete, oder zumindest durch ein Geräusch auf sich aufmerksam machte, damit ich zumindest eine Richtung hätte und nicht so willkürlich dem Zufall ausgeliefert irren musste.

Dann sah ich mich auf dem Stück verwilderter Wiese zwischen dem Haus und dem Bahngleis liegen. Aufgereiht neben anderen, entlang der Schiene. Da lagen Männer und Frauen in Sommerkleidern. Niemand rührte sich. Ein Mann, der gerade jemanden dort niedergelegt hatte, strich mit beiden Händen über den Liegenden gebeugt, vom Kopf her zu den Füßen, als wolle er die Luft nach unten schieben. Er berührte ihn nicht. Da wurde mir klar, dass es nicht um Luft ging, sondern um die Aura der Menschen, die er ausstrich, sehr behutsam und geübt.

Ich konnte mich aber nicht mehr erinnern, ob wir alle tot waren oder uns in einem Zwischenstadium befanden. Es war alles sehr friedlich. Keine Geräusche, nur die, die von der Hitze stammten und von Insekten.

Vorheriger Beitrag