Am Festtag der hl Lucia findet sich im liturgischen Kalender eine Sequenz aus dem Matthäus-Evangelium (Mt. 25, 1-13). Es geht um das Gleichnis der zehn Jungfrauen, die ihrem Bräutigam entgegengehen sollen. Während fünf von ihnen vergaßen, Öl für ihre Lampen mitzunehmen, hatten die „klugen” Jungfrauen vorgesorgt.
Nun bitten diejenigen Jungfrauen, die nicht soweit voraus gedacht und vorgesorgt haben, die klugen Jungfrauen, ihr Öl doch mit ihnen zu teilen, da es Nacht geworden war und der Bräutigam erwartet wurde.
Und an dieser Stelle wird es befremdlich:
Die klugen erwiderten ihnen:
Dann reicht es nicht für uns und für euch;
geht lieber zu den Händlern
und kauft es euch!
Das tun sie auch und versäumen so den Bräutigam. Der nimmt die fünf klugen Jungfrauen mit in den Hochzeitssaal und schließt hinter ihnen die Tür. Als die anderen Jungfrauen kamen, waren sie ausgeschlossen.
Später kamen auch die anderen Jungfrauen
und riefen: Herr, Herr, mach uns auf!
Er aber antwortete ihnen und sprach: Amen, ich sage euch:
Ich kenne euch nicht.
Hier erkenne ich eher eine Drohbotschaft als eine Frohbotschaft, wie immer man die Perikope auch exegetisch auslegen will. Es gibt die, die angenommen werden und die, die zurückgewiesen werden, es gibt die Auserwählten und die Verstoßenen.
Würde ich im Gottesdienst dieses "Evangelium" hören, ich würde aufstehen und gehen.
In krassem Gegensatz dazu stehen die Gleichnisse von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16) und vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-31). Hier wird mit der üblichen Logik gebrochen, dass nur die, die klug sind, erfolgreich und privilegiert Zugang ins Reich Gottes erhalten.
In diesen Gleichnissen stehen verstörende Sätze wie: "So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte", die das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden herausfordern, zu wütenden Reaktionen führen.
Das ärgert die, die sich immer bemüht haben, immer gefällig waren. Im Gleichnis mit dem verlorenen Sohn kommt so ein Klagen im Vorwurf des Sohnes, der sich ungerecht behandelt fühlt, deutlich zum Ausdruck:
Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.
Immerhin, mit dieser Logik und diesem Vorwurf würde sich eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung identifizieren. Doch der Vater in diesem Gleichnis tut dies nicht. Er erwidert:
Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.
Verfolgt man die Diskussionen beispielsweise um die Kürzung des Bürgergeldes, um die Streichung des Bürgergeldes für aus dem Krieg geflüchtete Ukrainer:innen, dann erkennt man, dass der Volksärger ganz nach der alten Logik getriggert wird. Das, was die bekommen, die nicht so sind wie wir, die nicht hier geboren sind, die nicht so fleißig und erfolgreich sind, steht eigentlich uns zu. Dass die, die es nicht verdient haben, Geld bekommen, das eigentlich uns zusteht, sei ungerecht. Das ist das Credo vieler - und es zeigt, dass sie die neue Logik nicht begriffen haben.
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
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