Lieber Martin,
die Nachrichten über die Situation in Nicaragua und vor allem über Daniel Ortega, der vom Revolutionär zum Diktator mutierte und nun wie seinerzeit Somoza das Nicaraguanische Volk unterdrückt, ausbeutet und rücksichtslos Demonstranten erschießen lässt, bestätigen, was ich in jungen Jahren zu Zeiten des Deutschen Herbstes schon fühlte. Macht korrumpiert.
Bei unserer Klassenfahrt 1976 nach Wien hatte ich mir, damals gerade 17, in den Kopf gesetzt, eine Solidaritätsveranstaltung mit der Widerstandsbewegung in Nicaragua im Audimax der Universität Wien zu besuchen. Das war drei Jahre vor dem erfolgreichen Putsch gegen die Diktatur von Anastasio Somoza Debayle. Der Hörsaal war zum bersten voll. Endlos wurden von verschiedenen Gruppierungen Solidaritätsnoten vorgelesen und Nachrichten aus Nicaragua, mit der Aufforderung, den Widerstand zu unterstützen. Am Ende wurde die Kommunistische Internationale gesungen, von hunderten von Menschen. Das war meine erste Begegnung mit Ortega.
Nun hat sich Daniel Ortega selbst zum Unterdrücker und Ausbeuter korrumpiert. Ist Nikaragua ein Beispiel für die Dynamik einer Revolution, die am Ende scheitert?
Ich habe also das kleine, heuer auf Deutsch erstmals erschienene Büchlein von Hannah Arendt "Die Freiheit, frei zu sein" nochmals gelesen, um mir in Erinnerung zu rufen, was sie treffend dazu bemerkte: "Denn während Gewalt, die man der Gewalt entgegensetzt, zu Krieg führt, zu zwischenstaatlichem Krieg oder zu Bürgerkrieg, führte ein gewaltsames Vorgehen gegen die sozialen Verhältnisse stets zu Terror. Terror statt bloßer Gewalt, Terror, der losbricht, nachdem das alte Regime beseitigt und das neue Regime installiert wurde, weiht Revolutionen dem Untergang oder deformiert sie so entscheidend, dass sie in Tyrannei und Despotismus abgleiten." ⌕
Macht korrumpiert und Revolutionen erweisen sich meist als folgenschwerer Irrtum, sofern daran geglaubt wird, dass damit jedenfalls Menschen mit anderen charakterlichen Qualitäten an die Spitze eines Staates kommen. Ortega hat sein Trauma, die Abwahl 1990 nach nur wenigen Jahren Präsidentschaft wohl nicht verkraftet. Nun wollte er die Macht, die ihm 2006 durch eine Stimmenmehrheit bei 38 Prozent der Stimmen zufiel, um jeden Preis halten. Die Unterdrückung und der Machtmissbrauch sind ja kein Phänomen der letzten Monate.
Irgendwie finde ich das sehr enttäuschend. Und letztlich ist es ja nicht nur Nicaragua. Wenn ich Venezuela betrachte, dann überkommt mich dieselbe Übelkeit.
Jedenfalls empfehle ich Dir die Lektüre von Hannah Arendts "Die Freiheit, frei zu sein" — sofern Du den Text nicht ohnehin schon gelesen hast. Eine lohnenswerte und erhellende Lektüre!
Nun bin ich leider auf Deine Frage, wie sich die politische Lage in Österreich entwickelt gar nicht eingegangen, wohl weil es dazu viel anzumerken gäbe. Ich werde das in den nächsten Tagen nachholen.
Herzlich, C.
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