Papst Leo XIV. stellt die Option für die Armen in den Mittelpunkt seines im Oktober 2025 veröffentlichten apostolischen Mahnschreibens „Dilexi te Über die Liebe zu den Armen. Es ist ein sehr eindringlicher, unüberhörbarer Appell des Papstes, die Armen als ‚Alter Christus’ zu sehen. Dieses Lehrschreiben ist brisant. Er bezieht sich unter anderem auf Augustinus: "Für Augustinus ist der Arme nicht nur ein Mensch, dem geholfen werden muss, sondern die sakramentale Gegenwart des Herrn." 1

Jeder glaubt zu wissen, wer gemeint ist, wenn von Armen die Rede ist. Eines dürfte unbestritten sein: Arme sind nicht deshalb arm, weil sie nicht reich sind.

Eine provokante Frage: Gibt es in einem funktionierenden Sozialstaat Arme? In Deutschland legt die Statistik die Armutsschwelle bei 60 Prozent des Medianeinkommens fest. Man spricht dann von der Armutsgefährdungsquote. 2022 galt in einem Single-Haushalt jemand als arm, wenn er monatlich weniger als EUR 1.330,— zur Verfügung hat. In Österreich ist es sehr ähnlich. Als „absolute Armut” benennt die Weltbank den Schwellenwert bei 2,15 US-Dollar am Tag, also rund EUR 58,— im Monat. Davon könnte man weder in Deutschland noch in Österreich überleben.

Was also ist Armut? Unbestritten ist arm, wer um das nackte Überleben kämpfen muss, also um ausreichend Nahrung, sauberes, Wasser, Wohnraum, Kleidung und Gesundheitsversorgung. Aber ist jemand arm, der in einer reichen Gesellschaft nur keinen Anschluss an den durchschnittlichen Wohlstand findet? Das Konzept der Lebensstandardsicherung ist wichtig, aber kann man daraus ableiten, wer arm ist? Aktuell gilt als arm, wer sich keine einwöchige Urlaubsreise leisten kann, kein Auto, keinen PC/Tablet oder kein Smartphone besitzt, oder wer aus Rücklagen unverhoffte Investitionen, wie eine Waschmaschine nicht tätigen kann, also über kein Sparguthaben von rund EUR 1.000,— für solche Eventualitäten besitzt. Ist jemand schon arm, weil er nicht reich ist? Unzweifelhaft stellt sich die Fragen nach sozialer Gerechtigkeit. Aber nicht immer sind sozial Benachteiligte zugleich auch arm.

Wer in Mitteleuropa könnte, angesichts der ausgebombten, hungernden Palästinenser:innen im Gaza, von sich behaupten arm zu sein? Es kommt immer darauf an, worauf man sich relativ bezieht.

Wenn Papst Leo XIV. von Armut spricht, dann hat er wohl eher nicht jene im Blick, die auf relativ hohem Niveau unterhalb der Lebensstandardsicherungsquote reicher Industrieländer liegen.


  1. Papst Leo XIV. Dliexi te, 44 

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