Immer wieder liest man von ihnen. Immer wieder werden sie befragt über den Zustand der Bundesrepublik Deutschland: die „wirtschaftlichen Eliten”. Da gibt es "das Elite-Panel, für das die Meinungsforscher aus Allensbach im Auftrag von F.A.Z. und der Zeitschrift „Capital“ im September 500 der ranghöchsten Führungskräfte aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung befragt haben" , die Auserwählten wohl, eine Auslese. Reicht es schon, Top-Manager von großen Unternehmen und Konzernen zu sein, um zur Elite zu gehören? Scheinbar, obgleich ich das für ziemlich unterbelichtet halte. Der Eliten-Begriff ist ganz offenbar, wie anderes auch, einer Inflation zum Opfer gefallen. Wer oder was sind diese Eliten?
In den 1950er bis noch in die 1970er nannte man die führenden Bosse von Unternehmen und Konzernen „Wirtschaftskapitäne”. Sie zählten nicht wirklich zur Elite, allerdings zweifellos zur gesellschaftlichen Oberschicht mit enormem Einfluss auf die Politik. Es waren Wirtschafts-Technokraten. Sehr wenige waren als Intellektuelle angesehen und zählten zur Elite. Denn damals konnte sich niemand zur Elite zählen, der ein intellektuelles „Nackerbazl” war.
Heute ist das anders, obwohl die sogenannte „Wirtschaftselite” nicht den Eindruck macht, als würde sie den Ansprüchen von Kapitänen entsprechen. Vielmehr würde die Wortverwendung katastrophale Schiffsunglücke aufgrund des Versagens von Kapitänen provozieren – jenem der Titanic, oder in jüngerer Zeit der MS Estonia (1994) und der Costa Concordia (2012), in der ein überheblicher Kapitän ganz offensichtlich darin versagte, aus Eitelkeit Risiken richtig einzuschätzen.
Den Begriff „Elite” würde ich sicherlich nicht so pauschal CEOs deutscher Unternehmen und Konzernchefs zusprechen. Sie sind fokussiert auf die Interessen ihrer Unternehmen und Konzerne, nicht auf das Land und nicht auf seine Bevölkerung. Wenn es gut für Unternehmen ist, Betriebsanlagen ins Ausland zu verlagern und Tausende von Angestellten und Arbeitern zu entlassen, tun sie es. Es schert die wenigsten, was das für das Land und seine Menschen bedeutet. Es sind Technokraten, früher Excel-fixiert, heute Stellwärter im Windschatten von Business-Informations-Systemen.
Das eingangs erwähnte "Eliten-Panel" subsumiert unter „wirtschaftliche Eliten” jedoch nicht nur klassische Wirtschaftstreibende, also "331 Vorstände, Geschäftsführer und Unternehmer, [sondern dazu auch] 122 Spitzenpolitiker und 47 Spitzenbeamte aus Bund und Ländern ". Es wird dadurch auch nicht besser. Wenn es gut geht, bringe ich gerade einmal ein Hand voll Spitzenpolitiker:innen mit dem Begriff „Elite” in Verbindung. Würde man den Eliten-Begriff pauschal für Führungsspitzen verwenden, so müsste man auch bei den führenden Köpfen des organisierten Verbrechens von Eliten sprechen, was die Sprachverlotterung wohl anschaulich macht.
Wie unkritisch maßgebliche Zeitungen und ihre Journalist:innen mit Begriffen wie "Elite" umgehen ist erschreckend. Denken diese nicht mehr nach, oder sind sie sprachlich schon so verarmt, dass sie keine treffenderen Bezeichnungen kennen?
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
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