Über viele Jahre habe ich Kyudo praktiziert. Das ist die Kunst des traditionellen japanischen Bogenschießens. Von Anfang an begeisterte mich die Art und Weise, wie Kanjuro Shibata XX, der vor einigen Jahren verstorbene kaiserliche Bogenbauer, uns in diese Kunst einführte und begleitete. Er sah den Bogen als den eigentlichen Lehrmeister und sich selbst als jemanden, der die Bogenschützen mit seiner Erfahrung beim Lernen begleitete. Dabei fragte er immer, ob er seine Beobachtungen mitteilen dürfe. Andere, auch schon ältere und erfahrenere Bogenschützen wies er zurecht, wenn diese glaubten, anderen zeigen zu müssen, wie man es „richtig macht”. Es geht bei Kyudo nicht darum, beim Ziel treffen immer besser, immer perfekter zu werden. — Kyudo praktizieren bedeutet, Kyudo aus dem Geist des Lernenden (Anfänger-Geist) zu üben.
Die philosophische Praxis verstehe ich ähnlich. Das Leben ist unser Lehrmeisterunsere Lehrmeisterin. Wenn wir unser tägliches Leben als Üben verstehen, als Praxis des Lebens, immer aus dem Anfänger-Geist heraus und das nachdenkend machen, dann nenne ich es philosophische Praxis. Die philosophische Praxis ereignet sich zwischen dem Übendender Übenden und seinemihrem Leben in seinerihrer jeweiligen Lebenswelt. Es geht nicht darum, Lebensziele zwingend zu erreichen, immer besser und perfekter zu werden.
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
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