Mit etwa zehn, elf Jahren hatte ich die Begabung bei mir festgestellt, in Träumen zu wissen, dass ich träume. Das faszinierte mich und ich kultivierte diese Begabung bis dahin, dass ich gewissermaßen rational in diesen Träumen agieren konnte, teils auch, um zu prüfen, ob ich mich nun in einem Traum befand oder nicht. Ich träumte sehr viel und ich konnte mich oft sehr detailliert an mehrere Träume erinnern. Meine Traumleben wurde mit der Zeit bunt, was heißt, dass Farben und Geräusche eine Rolle zu spielen begannen, viel später dann auch Gerüche.
Irgendwie schien es mir, als wollte mich mein Traumleben überlisten, denn ich begann häufiger zu träumen, dass ich aus einem Traum erwachte, das aber nicht wirklich tat. Bald kam ich meinen Träumen auf die Schliche und es gelang mir auch das zu durchschauen. Es gab bis zu drei, vier Traumebenen, die so verschachtelt waren. Ich liebte es zu träumen.
Leider ist diese Begabung mit zunehmendem Alter schwächer geworden. Auch hat die Fähigkeit nachgelassen, mich detailliert an Träume zu erinnern. Manchmal erinnere ich nur noch Traumepisoden oder nur Ausschnitte. Ich träume sicherlich mehr, aber ich habe kaum mehr Zugang dazu und entsprechend ist die Luzidität im Träumen auch verblasst.
Im Gegenzug hat sich zunehmend eine gewisse Skepsis gegenüber meinen Wahrnehmungen im wachen Leben ausgeprägt. Ich habe mich über viele Jahre mit Wahrnehmungsphänomenen beschäftigt, mit Psychologie und Philosophie der Wahrnehmung, so dass ich unsicher geworden bin, ob das, was ich wahrnehme, tatsächlich so ist, also von anderen ebenso wahrgenommen werden kann. Das ist besonders auffällig beim Sprechen und Verstehen. Ich hinterfrage meine Wahrnehmungen.
Die Wahrnehmungsphänomene sind aber nicht wie viele meiner Träume in der Jugend verschachtelt, sondern stehen oft nebeneinander, verdecken sich, überlappen sich oder verstellen sich. Das Vergnügen, dem auf die Spur zu kommen, ist ein meinem luziden Träumen vergleichbares Vergnügen.
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
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