Vor dreißig Jahren haben reguläre Soldaten der Armee der Republika Srpska und serbischen Paramilitärs unter der Führung von Ratko Mladić in Srebrenica ein Massaker an 8.000 Menschen begangen, an Menschen, nur weil sie männliche Bosniaken waren. Das war der Tiefpunkt meiner Traumatisierung, die mit den Jugoslawienkriegen 1991 begann.

Ich gehöre keiner der Volksgruppen an. Ich habe dort weder Freunde noch Familie gehabt, ich war noch nicht einmal im Urlaub in Jugoslawien gewesen.

Warum also kann ich behaupten, dass mich das Kriegsgeschehen dort und insbesondere das Massaker von Srebrenica nachhaltig traumatisierte?

Für mich ist es immer noch unvorstellbar, dass Menschen, die über Jahrzehnte Nachbarn waren, deren Kinder gemeinsam in die Schule gingen, die dieselben Lokale besuchten und denselben Lebensbedingungen ausgesetzt waren, dass diese Menschen innerhalb weniger Tage bewaffnet in die Häuser ihrer Nachbarn eindrangen und alle ermordeten, Erwachsene, Kinder und alte Menschen und plünderten. Was muss in jemandem vorgehen, der plötzlich zum Mörder wird, was in ganzen Volksgruppen, die Mörder werden? Die Menschen in Jugoslawien waren ja keine "Wilden", es waren Menschen wie hier in Österreich und Deutschland.

Es erinnerte mich an Berichte aus meiner Heimat, wo Bauern ihre Nachbarn bewusst falsch beschuldigten und bei der Gestapo denunzierten, nur um ein Stück Land zu kommen, das der Nachbar partout nicht hergeben wollte. Solche und ähnlich Geschichten gibt es viele, die meisten davon sind noch nicht einmal richtig aufgearbeitet. Es waren so viele auf ihre Art verstrickt, dass man das alles unter der Decke halten wollte. Ich bezweifle sogar, dass sich diese Leute für ihre Niedertracht schämten.

Ich traue keinem Nachbarn, auch wenn ich gut mit ihnen auskomme und sie schätze. Aber ich rechne seither immer damit, dass sich das ganz schnell ändern kann. Es gibt viele unausgesprochene Ressentiments, von welchen man keine Ahnung hat und die bei gewissen Umständen durchbrechen können. Da zählt sicherlich Neid dazu, auf monetäres, soziales und kulturelles Kapital. Wer sich ständig mit anderen vergleicht, ist nicht frei von Neid und Gewalt.

Das Massaker von Srebrenica nahm mir die Luft. Der Zynismus, mit dem man sich zunächst freundlich zeigte, Kindern Süßigkeiten gab und harmlos tat, als man Männer, junge und alte in Bussen wegfuhr, nur um sie kurze Zeit später systematisch und bestialisch zu töten. 8.000 Menschen in wenigen Tagen zu ermorden, dazu braucht es viele, sehr viele Mörder. Die meisten dieser Mörder laufen wohl immer noch frei herum, wurden nie zur Rechenschaft gezogen, sind vielleicht in der EU als Flüchtlinge anerkannt worden oder betreiben in kriminellen Organisationen weiter ihre menschenverachtenden Verbrechen. Man begnügte sich damit, Ratko Mladić und einige der führenden Massenmörder vor den internationalen Gerichtshof zu bringen und zu verurteilen. Es hätte aber jeder einzelne Mörder dorthin gebracht werden müssen. Man ließ sie laufen, weil man die Region befrieden wollte und Widerstand befürchtete. Diesen Widerstand hätte man brechen und Recht und Gesetz durchsetzen müssen. So hat sich der Geist von Massenmördern behauptet und es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieser Ungeist neue Opfer fordern wird.

In Srebrenica waren die Soldaten der Armee der Republika Srpska und der serbischen Paramilitärs keinen Deut besser als die Nazis, als die deutsche Sicherheitspolizei (welch ein Zynismus!), die in Babyn Jar 33.000 Jüdinnen und Juden ermordete. Die Militärs und Paramilitärs, die Politik, die Srebrenica zu verantworten haben, sie haben nichts aus den Massentötungen und der industriellen Vernichtung von Menschen unter dem Nazi-Regime gelernt. Sie taten es ihnen gleich, mit derselben Verachtung und demselben Zynismus. Dass das fünfzig Jahre nachdem Auschwitz befreit wurde noch möglich war, das schockiert mich immer noch.

Dass diese Massaker trotz UN Schutzzone und UN-Blaumhelm-Soldaten möglich war, die den Massenmord untätig geschehen ließen, ist selbst ein unvorstellbares Verbrechen. Wer soll sich noch auf den Schutz von Schutztruppen verlassen? UN Schutztruppen sind Teil einer zynischen Politik, die einen Anschein wahren aber keine Verantwortung übernehmen will.

Seit Srebrenica vertraue ich nicht mehr darauf, dass es internationalen Schutz für Unschuldige gibt. Wir sehen es auch in der Ukraine. Menschliches Leid zählt nichts. Machen wir uns nichts vor. Es geht nicht um uns. Es geht nicht um Menschen. Es geht um Interessen.

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