Analphabetismus

Das Versagen von Bildungs- und Gesellschaftspolitik

Analphabetismus Meritokratie Leistungsgesellschaft

Etwa 12 Prozent der Österreicherinnen haben große Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, beziehungsweise können nicht lesen und schreiben. Zählt man jene Personen hinzu, die in Österreich leben, aber keine österreichische Staatsbürgerschaft besitzen, so erhöht sich die Zahl an Analphabetinnen auf 15 Prozent. Mit anderen Worten: 1,34 Millionen Menschen in Österreich sind Analphabeten. Um diese Zahl zu veranschaulichen: Das sind fast doppelt so viele, als bei den Nationalratswahlen 2019 die FPÖ gewählt haben, fast viermal so viele als die NEOS Wähler gewinnen konnten und auch deutlich mehr als die SPÖ gewählt haben. Würden Sie alle eine Partei wählen, so würde diese an zweiter Stelle rangieren.

Etwa 40 Prozent aller Pflichtschulabsolventen verlassen die Schule als Analphabeten - ganz zu schweigen von jenen, die es nicht einmal zu einem Pflichtschulabschluss gebracht haben.

Auf den Punkt gebracht: Analphabetismus ist eine enorme Herausforderung für die österreichische Politik, Wirtschaft und GesellschaftDennoch ist das Thema Analphabetismus in Österreich ein verdrängtes, verschwiegenes. Lange Zeit hat sich Österreich einer statistischen Erfassung und Analyse verweigert, an entsprechenden Langzeitstudien beispielsweise der OECD nicht teilgenommen.

Wovon spricht man, wenn man von Analphabetismus spricht?

Man unterscheidet den primären, sekundären und tertiären (funktionalen) Analphabetismus (siehe [[analphabetismus-ein-verdraengtes-phaenomen]]), d.h. Analphabetismus ist nicht gleich Analphabetismus.

In einer immer älter werdenden Gesellschaft nimmt die Zahl derer, die zwar Lesen und Schreiben gelernt haben, aber wegen altersgemäßer Einschränkungen Lesen und Schreiben wieder verlernten, deutlich zu. Günter Anders spricht in diesem Zusammenhang von postliteralischem Analphabetismus.

Bei Menschen mit migrantischem Hintergrund gibt es viele, die bereits in ihrem Herkunftsland Analphabeten waren. Es gibt aber auch viele, die in ihrer Muttersprache Lesen und Schreiben gelernt hatten, womöglich über eine gute Schulausbildung verfügen, aber weder Deutsch noch die lateinische Schrift beherrschen und so ähnlich anderen Analphabeten enorme Schwierigkeiten im Umgang mit Lesen und Schreiben haben.

Entsprechend braucht es differenzierte Herangehensweisen, um Menschen dabei zu unterstützen, Lesen und Schreiben zu erlernen, oder ihre geringen Fähigkeiten darin deutlich zu verbessern und zu entwickeln.

Politik einer Diskriminierung von Analphabeten

Während die österreichische Politik stolz darauf verweist, dass sich die Zahl der Akademiker seit 2011 um 70 Prozent erhöht hat, kann sie im Bereich Analphabetismus keine wirklichen Erfolge vorweisen. Gesamtgesellschaftlich wäre es wohl besser, wenn die Zahl der Analphabetinnen reduziert werden könnte, als die Zahl der Akademikerinnen weiter zu steigern.

Wie steht es mit den Aufstiegschancen von Analphabeten in unserer Gesellschaft? Welche Chancen haben Menschen, junge wie ältere und alte, Lesen und Schreiben zu lernen und diese Fähigkeiten zu verbessern und Anschluss zu finden, an Karrieren von Menschen, die damit nie konfrontiert waren? Welche Zukunft haben Analphabeten auf Arbeitsmärkten, die zunehmend höhere Qualifizierung verlangen, auf welchen akademische Bildung eine immer wichtigere Voraussetzung für eine Karriere wird? Was bleibt Analphabeten, wenn sie praktisch abgehängt das Gefühl entwickeln, kein gleichwertiger Teil der Gesellschaft zu sein?

Recht auf Bildung und Teilhabe sind Menschenrechte

Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 schreibt das Recht auf Bildung als Menschenrecht fest. Die Kulturtechniken von Lesen und Schreiben sind elementare Techniken, unverzichtbar. Damit fängt Bildung an. Ein Staat, der toleriert, dass Jugendliche die Pflichtschule abschließen und 40 Prozent von ihnen funktionale Analphabeten bleiben, verletzt dieses Recht. Die Politik kann sich nicht damit rechtfertigen, dass es eine allgemeine Schulpflicht gibt und daher jedem eine Pflichtschulbildung garantiert wird, wenn das Resultat derart vernichtend ist. Wer weder Lesen noch Schreiben kann ist faktisch von einer Teilhabe an der Gesellschaft und ihrer Gestaltung weitgehend ausgeschlossen.

Menschen werden von Politik und Wirtschaft abgeschrieben

Es scheint, als werde die „Alimentierung” von Menschen, die als Analphabeten wenig bis keine realistische Chancen auf eine Karriere in unserer Gesellschaft haben, „eingepreist”. Wie im Einzelhandel der Schwund an Waren durch Diebstahl eingepreist wird, so scheint es, dass sich die Politik mehr darauf konzentriert, wie sie Menschen mit Sozialleistungen ein Leben am Rande ermöglichen kann als sich wirklich darum zu bemühen, sie bei der Entwicklung und Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu unterstützen. Mit nicht geringem Zynismus werden viele Analphabeten abgeschrieben. Sie sind die Verlierer einer Leistungsgesellschaft und also solche außerhalb des Fokus derer, die sich zu den Leistungserbringern und Profiteuren der Meritokratie zählen.

Digitale Alphabetisierungsbehelfe greifen zu kurz

Digitalisierung verspricht unter anderem, das Leben der Menschen einfacher zu machen. Analphabetinnen werden von Apps unterstützt, die Texte vorlesen („text to speech”) und anderen, die Diktiertes fehlerfrei niederschreiben („speech to text”). Es gibt sogar Apps, die längere Texte zusammenfassen und schwierige Texte in leichte Sprache übersetzen. Immer vorausgesetzt, dass sich die betroffenen Personen ein Smartphone und die Dienstleistungen leisten können. Auch der sogenannte „digital divide”, also die Tatsache, dass neben Zugangsproblemen nicht alle Analphabetinnen gleicherweise mit digitalen Produkten umgehen können, ist zu berücksichtigen; zu denken wäre hier an ältere Menschen mit eingeschränkter Sehfähigkeit, Hörvermögen und Feinmotorik und verminderter Auffassungsgabe, was den Umgang mit neuen Technologien und neuen Kulturtechniken angeht.

Die Kompetenzen, selbständig Lesen und Schreiben zu können, gehen viel weiter. Damit werden kognitive Fähigkeiten ausgebildet, werden neuronale Entwicklungen ermöglicht, die das Denkvermögen des Menschen ausbilden und Verstehen ermöglichen. Einen schriftsprachlich verfassten Text vorzulesen greift häufig zu kurz, da bei Analphabet*innen das Verstehen auf sprachlich orale, zumeist umgangssprachliche Mitteilung ausgerichtet ist. Selbst wenn eine App einen Vertragstext, Geschäftsbedingungen vorlesen kann, bedeutet das nicht, dass dies auch verstanden wird — was übrigens nicht nur für Analphabeten gilt.


Literaturhinweise:

OECD (2019), The Survey of Adult Skills: Reader’s Companion, Third Edition, OECD Skills Studies, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/f70238c7-en.

ÖGPP (2017), Factsheet Analphabetismus, URL=http://politikberatung.or.at/fileadmin/studien/eu_vergleiche/Factsheet_Analphabeten.pdf, Abgerufen am 24.2.2021

Rammstedt, B. (Hrsg.). (2013). Grundlegende Kompetenzen Erwachsener im internationalen Vergleich: Ergebnisse von PIAAC 2012. Münster: Waxmann. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-360687, Abgerufen am 24.2.2021

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