Eine neue Form von Analphabetismus

Analphabetismus

Wer von Analphabetismus spricht, meint zunächst Menschen, die weder Lesen noch Schreiben gelernt haben. Darüber hinaus gibt es jedoch viele Menschen, die zwar Lesen und Schreiben gelernt haben, oftmals mehr recht als schlecht, die aber im Grunde Schwierigkeiten haben, das, was sie lesen, auch zu verstehen. Dies wird als ‚funktionaler Analphabetismus’ bezeichnet. Günter Anders hat eine weitere Form des Analphabetismus aufgezeigt, den sogenannten ‚postliterarischen Analphabetismus’, die er auch als ‚Ikonomanie’ bezeichnet. Das meint, dass im Zeitalter der Bilder Menschen, die eigentlich gut lesen und schreiben beherrschten, diese Fähigkeit zunehmend einbüßen, ähnlich wie es oft sehr alten Menschen aufgrund ihrer Einschränkungen geht.

Mir fällt auf, dass es noch eine weitere Form von  ‚funktionalem Analphabetismus’ gibt, der sich aus einem ‚TL;DR’ ergibt (Too long; don't read). Daran gewöhnt, kurze Texthappen insbesondere von Messengern zu nutzen, vermögen zunehmend viele Menschen keine längeren Texte mehr zu lesen und womöglich auch Zusammenhänge zu verstehen. Jedenfalls verweigern zunehmend viele Menschen es, längerer Texte zu lesen, seien es E-Mails, Briefe, Geschäftsbedingungen etc. sogar Zeitschriften und Zeitungen (ausgenommen bildlastige Boulevardblätter) sowie Bücher. Dieses Phänomen ist in erschreckendem Maße auch bei Studierenden festzustellen.

Ich lese gerade das am 5. Oktober veröffentlichte Lehrschreiben Papst Leos XIV. „Delexi te”, ein Mahnschreiben gegen Armut und Ausbeutung, gegen Lüge und  Unterdrückung, ein Mahnschreiben zu den Gefahren, die von KI ausgehen. Eigentlich ist dieses Lehrschreiben eine sogenannte apostolische Exhortation (eben ein Mahnschreiben), es ist gut lesbar und dennoch bin ich überzeugt, dass es vor allem in unseren Breiten keine besonders große Leserschaft finden wird – auch wenn es nur 31 Seiten umfasst. 
Aufgrund der vielfältigen Formen von Analphabetismus wird dieses Lehrschreiben mit einer wichtigen Botschaft wohl nicht viele Menschen erreichen.


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