Die Medienforschung konnte einen Zusammenhang von Lokaljournalismus und Demokratie nachweisen.1 Nun könnte man in Anspielung auf Carlo Levis Christus kam nur bis Eboli
sagen, dass das erklären könnte, warum in Ostbayern die liberale Demokratie nie richtig angekommen ist – sondern nur ihr Abklatsch.
Es ist schwer zu sagen, ob der Lokalteil der Passauer Neuen Presse in den letzten Jahrzehnten qualitätvoller war, als er es heute ist. Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern. Allerdings kann ich mich daran erinnern, dass es Alternativen zur PNP immer schon schwer hatten, insbesondere die Kleine Passauer Zeitung (PKZ), die unter Druck schon nach zwei Jahren wieder eingestellt werden musste (1976-78). 2 Dann gab es mit der Passauer Aktuellen Zeitung (PAZ) Mitte der 80er Jahre einen weiteren, noch kürzeren Versuch einer von der PNP unabhängigen Lokalberichterstattung. Einzig der Bürgerblick, 2005 gegründet, hält sich – als Stadtmagazin – am lokalen Medienmarkt. 3
Dieser Beitrag will sich nicht an der Passauer Neuen Presse abarbeiten. Die Zeiten, wo das erforderlich war, sind im Großen und Ganzen vorbei. Mit Anfang der Nullerjahre haben Soziale Medien das Medienverhalten großer Teile der Bevölkerung radikal verändert und damit den Einfluss der PNP nachhaltig geschwächt.
Es geht vielmehr um das Phänomen, dass Lokaljournalismus und lokale Berichterstattung in vielen Medien vernachlässigt werden. Neben Vereinsnachrichten und Berichten über Jubiläen, Sportereignisse und Veranstaltungen gibt es gerade noch Kurzberichterstattungen von Gemeinderatssitzungen und fallweise Berichte über Aufreger. Das ist so ziemlich alles. In vielen Fällen werden Pressemitteilungen und Vorankündigungen übernommen, manchmal ohne kritische Überprüfung. Leser:innen interessieren sich zurecht nicht mehr für inhaltsleere Berichterstattung. Dies scheint aber nicht wahrgenommen zu werden, obwohl gerade ein qualitativ hochwertiger Lokaljournalismus zum Erfolg des Mediums beitragen könnte.
Was fehlt ist anspruchsvoller Journalismus, der nicht nur Pressemeldungen durchreicht, sondern Themen aufgreift, die in den Sozialen Medien noch keine Verbreitung gefunden haben, weil dazu Recherchen notwendig sind, Einordnungen und Kontextualisierungen. So gibt es beispielsweise bei vielen Gemeinderatssitzungen Abstimmungen zu Tagesordnungspunkten, die kritischer Lokaljournalismus so nicht einfach hinnehmen sollte. Journalist:innen haben, im Unterschied zu Bürger:innen auch die Möglichkeit mehr über nicht-öffentliche Gemeinderatssitzung in Erfahrung zu bringen 4. Sie haben gewissermaßen einen privilegierten Zugang zu Informationen. Doch dieser wird nicht effektiv genützt.
Am 26. April 2026 veröffentlicht die PNP im Regionalteil eine vom Landratsamt Passau stammende Vorankündigung zu einem Workshop rund um den Rannasee. 5 Da ist zu lesen: Die Freizeitanlage Rannasee soll neu konzipiert und fit für die Zukunft gemacht werden.
Weiter liest man: Mit der Veranstaltung bereite man das ‚Ausloben eines nichtoffenen städtebaulichen Realisierungswettbewerbs’ vor, teilt das Landratsamt mit.
Beim Rannasee handelt es sich nicht um einen Badeweiher, sondern immerhin um den größten Badesee des Bayerischen Waldes. 6 Dann aber liest man in der PNP darüber keine Zeile mehr, keine Berichterstattung über den Workshop, keine Hintergrundrecherche zum nichtoffenen städtebaulichen Realisierungswettbewerb, zu den Plänen einer Inwertsetzung dieses Erholungsraums.
Dabei war der Rannasee vor erst 15 Jahren Gegenstand heftiger Bürgerproteste. Teile des Areals sollten privatisiert werden, ein Feriendorf mit Chalets sollte entstehen. Ein Bürgerentscheid kippte die Pläne, die vor allem von der CSU und der Bürgerunion betrieben wurden, die im Gemeinderat mit einem CSU Bürgermeister die Mehrheit hielten. 7 Man möchte meinen, dass das mehr als genug Anlass wäre, um sich vor diesem Hintergrund mit dem Vorhaben des Landkreises kritisch zu beschäftigen. Es passierte nichts. Selbst nach telefonischen Nachfragen und mehr als deutlichen Hinweisen blieb es bei der Auskunft, dass man bei der Pressestelle des Landratsamtes nachfragen wolle.
Die augenscheinlich mangelhafte journalistische Kompetenz in der Lokalberichterstattung führt dazu, dass die Bevölkerung, die sich bereits ablehnend gegen eine weitergehende Verwertung des Rannasees in einem Bürgerentscheid ausgesprochen hat, über die Pläne („Zukunftspläne”) im Unklaren bleibt. Der mit Mitteln des Interreg geförderte städtebauliche Wettbewerb wird gerade vorbereitet. Wie weit dieser gediehen ist, welche Ziele formuliert wurden und mit welchen Mitteln diese erreicht werden sollen etc. ist ebenso unbekannt, wie die genaueren Pläne zum neuen Zentralgebäude.
Man könnte fragen, ob der Workshop, der in der PNP als lockere Gesprächsrunde
angekündigt wurde, nicht ein pro–forma–Vorwand ist, um eine frühzeitige Bürgerbeteiligung vorzugaukeln. Ob das so ist, das zu recherchieren wäre eigentlich die Aufgabe eines engagierten Lokaljournalismus. Das Ziel sollte es sein, Bürger:innen frühzeitig und umfassend über das zu informieren, was offensichtlich im Hintergrund organisiert und abgewickelt werden soll.
Unzweifelhaft hat das Versagen der Lokalberichterstattung Auswirkungen auf demokratische Meinungsbildung. Ob das passiert ist, ob das gewollt ist – wer kann das sagen.
Derzeit läuft eine UIG Anfrage beim Landratsamt Passau. Ich werde darüber berichten.
McKenzie, Willam (2020): George W. Bush Presidential Center. The Bookshelf: “News Deserts” Threaten our Democracy. https://web.archive.org/web/20260721184208/https://bushcenternew.org/publications/the-bookshelf-news-deserts-threaten-our-democracy (Zugriff am: 21.07.2026). — Borchardt, Alexandra (2024): Gemeinschaft stiften – Journalismus, Digitalisierung und die Bedeutung der lokalen Medien. Online im Internet: URL: https://alexandraborchardt.com/de/gemeinschaft-stiften-journalismus-digitalisierung-und-die-bedeutung-der-lokalen-medien/ (Zugriff am: 21.07.2026).
In Deutschland gibt es noch keine News Deserts
. Das Land befindet sich im Zustand der Versteppung
der Nachrichtenlandschaft. So nennt es das Projekt Wüstenradar, das bislang noch keine vergleichbaren Auswirkungen wie in den USA feststellen wollte. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sich mit zeitlicher Verzögerung auch in Deutschland erste News Deserts
und ein vergleichbarer Effekt einstellen werden, wie er für die USA wissenschaftlich belegt ist. In Deutschland existiert mit dem Projekt Wüstenradar inzwischen eine Initiative, die diese Entwicklung erstmals systematisch untersucht. Allerdings geht das Projekt von einem ohnehin problematischen Bestand seit 1992 aus und betrachtet die Fragestellung unter quantitativen, nicht qualitativen Gesichtspunkten. Noch gibt es keinen Landkreis ohne jegliches Nachrichtenmedium. Aber das will nichts heißen. In der DDR gab es 30 Zeitschriften und Zeitungen. Dennoch gab es dort keine liberale Demokratie. ↩
Aufschlussreich ist schon die Einordnung: In dem 2008 von der PNP begründeten RegioWiki für Niederbayern & Altötting
wird die Kleine Passauer Zeitung als linksradikale Wochenzeitung Kleine Passauer Zeitung
bezeichnet, während sie in Wikipedia als linksliberale Wochenzeitung
bezeichnet wird. Tatsächlich vertrat sie eine dezidiert kirchen- und gesellschaftskritische Haltung – einen klaren Gegenentwurf zur konservativen Passauer Neuen Presse. Von dieser wurde sie, wie es der Bürgerblick in seiner Jubiläumsausgabe 20 Jahre Bürgerblick – der längste Passauer Lokaljournalismus neben der PNP
ausdrückt, totgeklagt
. ↩
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Pressebüro Mediendenk Inh.: Hubert Jakob Denk Hubert Jakob Denk war es auch, der die Passauer Aktuelle Zeitung (PAZ) 1986 gegründet hatte. Der Bürgerblick ist gewissermaßen der zweite Anlauf. ↩
Seit der Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs (BayVGH) vom 13.08.2004 (Az.: 7 CE 04.1601). Im Beschluss heißt es mit Verweis auf Art. 4 des Bayerischen Pressegesetzes unter Punkt 4: Der Antragsgegner (die Kommune) ist dem Antragsteller (Presse) verpflichtet Auskunft darüber zu erteilen welche Beschlüsse in der nichtöffentlichen Sitzung des Marktgemeinderats vom 30. März 2004 gefasst wurden oder - bei einer Verweigerung der Auskunft - dem Antragsteller mitzuteilen, welche Gründe einer Auskunftserteilung entgegenstehen.
↩
PNP (2026): „Bei einem öffentlichen Workshop werden neue Ideen gesucht für den Rannasee.“ In: PNP.de, 26. April 2026. Online im Internet: URL: https://www.pnp.de/lokales/landkreis-passau/bei-einem-oeffentlichen-workshop-werden-neue-ideen-gesucht-fuer-den-rannasee-21010297 (Zugriff am: 03.06.2026) ↩
Laut Tourismusbüro der Gemeinde Wegscheid. Es handelt sich um einen ausgewiesenen, bewirtschafteten Badesee mit Liegewiese, Infrastruktur und offizieller Freigabe von 20 Hektar Größe – womit er flächenmäßig alle anderen offiziellen Badeseen im Bayerischen Wald übertrifft. ↩
Leider findet sich trotz eingehender Versuche über PNP Online kein Bericht mehr dazu. Eine telefonische Nachfrage ergab, dass das System umgestellt worden sei und deswegen die Beiträge nicht mehr verfügbar seien. Ich musste ausweichen auf die Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN). Dort fand sich sehr wohl noch ein Artikel dazu: OÖN (2011.): „Bürgerentscheid in Wegscheid: Badedorf am Rannasee abgelehnt.“ In: nachrichten.at, Online im Internet: URL: https://www.nachrichten.at/oberoesterreich/muehlviertel/Buergerentscheid-in-Wegscheid-Badedorf-am-Rannasee-abgelehnt;art69,744935 (Zugriff am: 03.06.2026). ↩