Das Verschwinden der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Wegscheid (ehem. Markt Wegscheid) wird so recht anschaulich mit dem geplanten Abriss des evangelisch-lutherischen Bethauses. Schon lange vorher war die kleine Wegscheider evangelisch-lutherische Gemeinde randständig geworden. So benennt die Webseite des Marktes Wegscheid beispielsweise nur eine Kirche, resp. Kirchengemeinde, nämlich die katholische. Nichts deutet darauf hin, dass in den 60er Jahren rund sieben Prozent der Wegscheider Bevölkerung sogenannte Evangelische waren und es immer noch eine kleine Zahl Evangelische im Ort gibt.
Dazu eine kleine, aber aufschlussreiche Episode: katholisches CSU Mitglied gegen evangelischen Parteilosen.
Es mutet ein wenig befremdlich an, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Wahl zum Landrat des Landkreises Wegscheid noch 1964 Facetten eines kleinen Glaubenskrieges annehmen konnte. Es bewarben sich Graf von Preising, ein katholisches CSU Mitglied und Robert Muthmann, ein evangelisch-lutherischer Parteiloser um das Amt.
Ottfried Fischer beschrieb den Landratswahlkampf in seinem Buch „Das Leben ein Skandal” im Kapitel „Der gottlose Kandidat” sehr ironisch pointiert als Klassenkampf, in welchem dem evangelischen Kadidaten vorgehalten wurde, er wolle die Kruzifixe aus den Schulzimmern entfernen lassen und gefährde mit dem Bau eines Gymnasiums in Untergriesbach die Basis der CSU. Er kommentierte: Ein Riss ging durch die Bevölkerung, Keile wurden in Familien getrieben, frühchristliche Zeiten wurden Beschworen, letztlich ging's auch um das Seelenheil.
1 Es half nichts. Durchgesetzt hat sich der parteilose, evangelisch-lutherische Kandidat. Graf von Preising verließ Wegscheid.
Solche Auseinandersetzungen sind heute nicht mehr denkbar, was nicht einer Ökumene geschuldet ist, sondern dem weitgehenden Verschwinden der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Wegscheid.
Fischer, Ottfried (2013): Das Leben ein Skandal: Geschichten aus meiner Zeit. München ↩
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