In Wegscheid gibt es innerorts keine Nahversorger mehr. Diese befinden sich mit Ausnahme eines Naturkostladens alle außerhalb der geschlossenen Ortschaft in einem dafür ausgewiesenen Sondergebiet. Die Gemeindepolitik hat das mitzuverantworten. — Nachdem EDEKA Brückl in der Dreisesselstraße mit Jahresende 2025 das Geschäft zusperrte, damit auch die Feinkost und die einzige Bäckerei samt kleinem Cafe und am Marktplatz die Metzgerei Reichart, gibt es keine Möglichkeit mehr, auf kurzem Weg zu Fuß innerorts Einkäufe zur Deckung des täglichen Bedarfs zu erledigen.1
Das trifft besonders hart ältere Menschen, Menschen ohne Auto und Menschen mit Behinderungen, aber auch Kinder und Jugendliche. Sie müssen sich, wie schon im Beitrag Wegscheid schließt
berichtet, zum Einkaufen in die Einkaufszentren am Ortsrand beziehungsweise außerhalb des Ortsgebietes aufmachen. Aber abgesehen von dem weiten Weg – bis zu 2 Kilometer – fehlen Bürgersteige, um verkehrssicher auch mit Rollatoren dorthin zu gelangen – sommers wie winters, bei Regen und Schnee und teils großer Hitze im Sommer. Betroffen sind aber auch andere. Wer beispielsweise kurz einen Liter Milch braucht, oder Mehl, das zum Backen nicht ausgereicht hat, muss ins Auto steigen.
Orsbewohner:innen, die Güter des täglichen Bedarfs benötigen, sehen sich folgenden Probleme gegenüber, um zu den Einkaufszentren außerorts zu kommen:
Ältere Menschen und Menschen mit Gehbehinderung, Menschen ohne Auto sind benachteiligt und damit diskriminiert. Diese Situation beeinträchtigt ihre Lebensqualität spürbar.
Was die Schließung des Vollsortimenters EDEKA Brückl anbetrifft, ist das vor allem das Ergebnis einer kurzsichtigen Gemeindepolitik. Der Gemeinderat beschloss ein großes Einkaufszentrum im Süden außerhalb des Ortsgebietes (Änderung der Bauleitplanung).2 Zu den Discountern Norma und Netto kommen nun der vergrößerte Vollsortimenter EDEKA Buchbauer (Verkaufsfläche 1.450 bis 1.600 m²) , Aldi (Verkaufsfläche 990 bis 1010 m²) und dm (Verkaufsfläche 700 bis 720 m²) hinzu. Das sind zusammengenommen zwischen 3.140m² und 3.330m² Verkaufsfläche neu dazu.3 Zusammen mit den bestehenden Discountern ist das ein unverhältnismäßig überbordendes Angebot, eine Überversorgung, die durch nichts zu rechtfertigen ist. 4
Angesichts des großen Konkurrenzdrucks, konnte der Inhaber des EDEKA Brückl die kolportierte Investition von rund 2 Millionen Euro betriebswirtschaftlich nicht rechtfertigen.
Eine weitere Kannibalisierung der Einkaufsmärkte ist absehbar und damit steht zu befürchten, dass womöglich auch Norma oder Netto mittelfristig schließen könnten. Aber das ist ein anderes Thema.
Bürgermeister:in und Gemeinderät:innen haben sich offenbar über die Auswirkungen ihrer Entscheidung für ein zusätzliches Einkaufszentrum auf die Einwohner:innen des Ortes keine, jedenfalls keine ausreichenden Gedanken gemacht.
Die UWG, die für sich sachorientierte und bürgernahe Kommunalpolitik
reklamiert,PNP, 13.1.2026 will das Problem mit einer zusätzlichen Bushaltestelle für Linienbusse lösen und einem Fußgängerüberweg, um zusätzlich zur Norma den Zugang zum Netto-Markt möglich zu machen und weiter zum bestehenden EDEKA Buchbauer und zur Metzgerei Wasner. Die CSU verweist nicht zu unrecht auf die Herausforderungen im Zusammenhang mit erforderlichen baulichen Maßnahmen, einer doch eher ungeeigneten Stelle für den Fußgängerüberweg und den Winterdienst für die Wege.
Zur Nutzung des Busses sei angemerkt: abgesehen von der Taktung im Fahrplan wird es für gar nicht so wenige Einwohner aufwendig werden, zur Bushaltestelle zu gehen, womöglich mit Rollator, auf den Bus zu warten und dann kurz vor Ende des Ortes wieder auszusteigen. Das ganze dann mit voller Einkaufstasche retour - sofern ein Bus zeitnah kommt. Abgesehen davon entstehen bei einer auch nur wöchentlichen Hin- und Rückfahrt zusätzliche Kosten, die aufzubringen sich wohl nicht alle leisten können - immerhin rund zehn Euro im Monat.
Einen fußläufigen Zugang zum neuen Einkaufszentrum mit EDEKA Buchbauer, Aldi und dm wird diese Lösung nicht bieten, denn diese Märkte liegen dann auf der anderen Seite der viel befahrenen Bundesstraße. Einen Fußgängerüberweg kann es hier nicht geben, da diese außerhalb geschlossener Ortschaften gesetzlich verboten sind. Das neue Einkaufszentrum werden Fußgänger wohl nur dann nutzen können, wenn sie jemand im Auto mitnimmt.
Diskutiert wird auch ein Shuttle, der Bürger:innen ohne Auto zu den Märkten außerorts bringen soll. Ich befürchte, dass dieses Vorhaben noch nicht wirklich durchdacht, jedenfalls nicht kalkuliert wurde, sowohl was die Kosten als auch die Logistik angeht, denn das entspricht eher nicht der Lebenssituation älterer Menschen und ist eine wenig praktikable Lösung.
Die CSU verweist auf den bereits seit der Corona-Pandemie bestehenden Senioren-Bringdienst, organisiert durch den Markt Wegscheid in Kooperation mit den örtlichen Geschäften wie Bäckerei Stemplinger, EDEKA Buchbauer, Metzgerei Wasner, Hornig und Getränke Fenzl. Die Bestellung erfolgt telefonisch in den Geschäften und die Lieferung durch freiwillige Helfer direkt nach Hause. Dieses Angebot ist, so die CSU, etabliert, bewährt und wird aktiv kommuniziert. Dieses ehrenamtliche Engagement kann noch intensiver beworben und ausgebaut werden.
Der Senioren-Bringdienst war während der Corona-Pandemie gewiss eine Erleichterung für viele ältere Menschen. Als Dauerbetrieb wird er der Lebensrealität älterer Menschen eher nicht gerecht. Ältere, vor allem alleinstehende Menschen tun sich schwer, ihre Einkäufe im voraus genau zu planen. Oft wird etwas vergessen, was man dann beim Kochen fehlt. Dass Einkaufen selbst inspiriert, das oder jenes zu kochen, backen oder zu jausen, wird dabei vernachlässigt. Vor allem aber löst der Bringdienst die soziale Isolation nicht. Einkaufen ist nicht nur ein Besorgen von Lebensmitteln, sondern ist in der Begegnung mit anderen Menschen selbst ein Lebensmittel, das vor Vereinsamung schützt. Übergangsweise mag das helfen. Es braucht aber eine solide innerörtliche Nahversorgung im Rahmen der Innenentwicklung des Ortes.
Und das alles, wegen einer kurzsichtigen Entscheidung von Gemeinderat und Bürgermeister. 5
Es scheint so, also würden Bürgermeister:in und Gemeinderät:innen wenig auf die Raumordnung geben (z.B. § 2 Abs. 2 Nr. 6 ROG) oder die Prinzipien des Landesentwicklungsprogramms (LEP). 6 Auch das Baugesetzbuch fiel trotz einschlägiger Feststellungen offenbar nicht ins Gewicht (§ 1a Abs. 2 und § 1 Abs. 5 Satz 3 BauGB)
Das LEP geht übrigens davon aus, dass bereits ein außerörtlicher großflächiger Einzelhandel, der etwa 800 m² Verkaufsfläche überschreitet, nachteilige Auswirkungen auf die verbrauchernahe Grundversorgung der Bevölkerung haben kann.
Im ROG, LEP und BauGB gilt das Prinzip der Innenentwicklung vor Außenentwicklung.
In Wegscheid scheint es genau anders herum gewollt zu sein.
Der CSU Vorsitzende Christan Escherich verweist darauf, dass es innerorts durchaus einen fußläufig erreichbaren Nahversorger gibt, den Naturkostladen in der Passauer Straße und dass somit die Behauptung, es gäbe innerorts keinen Nahversorger mehr, unzutreffend sei. Dem ist entgegenzuhalten, dass es sich dabei um ein überschaubares Sortiment handelt, das preislich zudem teurer ist. ↩
Werner Brückl erklärt gegenüber der PNP (6.1.2026): Als Hauptgrund für das kommende Aus nennt Werner Brückl ganz nüchtern das kommende Fachmarktzentrum, das heuer am Ortseingang von der Untergriesbacher Seite her an der B 388 eingerichtet werden soll
↩
Laut Deckblatt Nr. 2 zum Bebauungsplan "GE Weidenau" als vorhabensbezogener Bebauungsplan „SO für Einzelhandel und sonstige Gewerbebetriebe", 21.02.2024 ↩
Die Gemeinde spricht vom „Fachmarktzentrum, nicht von „Einkaufszentrum”, wenn vom geplanten Einkaufszentrum in Weidenau, also außerorts am Ortsrand Wegscheids verhandelt wird, wie zuletzt bei der Gemeinderatssitzung am 15.1.2026. Es geht tatsächlich jedoch um ein Einkaufszentrum. Es scheint begriffliche Unklarheiten zu geben, ob unbeabsichtigt oder – mit Blick auf die laufenden Verfahren der Bauleitplanung – beabsichtigt.
Im geplanten Bereich wird es nach aktuellem Stand, keine Fachmärkte geben (zB Mediamarkt, Hornbach, Schraube …), sondern Einkaufszentren. EDEKA, Aldi, die mit 2.600m² Verkaufsfläche gegenüber 700m² eines dm, der bei dieser Größe ebenfalls als City-Center und nicht als Fachmarkt eingestuft werden müsste, den Charakter des Einkaufszentrums bestimmen. Dass im Untergeschoss zum EDEKA ein Logistik Online-Handel einziehen wird, macht aus einem Einkaufszentrum noch kein Fachmarktzentrum. Warum diese Namensakrobatik? ↩
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass das Bauvorhaben Einkaufszentrum schon vor Bürgermeister Escherich, unter den Bürgermeistern Lothar Venus und Josef Lamperstorfer im Gespräch war. ↩
Siehe dazu: https://www.stmwi.bayern.de/landesentwicklung/rechtsgrundlagen/ ↩